3 Geschäftsführer reflektieren sich

im Coaching mit Pferd


Ende Mai 2010 führte ich ein Coaching auf Mallorca mit drei Geschäftsführern durch. Da es so gut wie keine Reithallen auf der Insel gibt, fand es auf dem leicht bewachsenen Reitplatz eines Westernreiterhofs im Süden der Insel statt. Die Sonne schien warm und wir verkrochen uns für die Vorbesprechung unter den Sonnenschirm. Da die drei Geschäftsführer nur wenig Zeit mitgebracht hatten und sie selbst als Berater tätig und sehr selbstreflektiert waren, hielten wir die Zielfindung kurz. Der Wunsch der drei war es, sich in ihrer Zusammenarbeit als Geschäftsführer wahrzunehmen und ihre Zusammenarbeit zu optimieren. Vier Pferde standen uns zur Verfügung. Ein weißer überdimensional großer und sanftmütiger Wallach mit riesigem Kopf, eine kleine freche Fuchsstute, ein dunkelbrauner kuscheliger Wallach und ein Pony. Alle vier Pferde waren damit beschäftigt, an die längeren Grashalme hinter dem Holzzaun zu gelangen und verrenkten ihre Hälse am Rande des Reitplatzes. Es sah aus, als müsse man sie sehr zur Zusammenarbeit motivieren.

 

Die Aufgabe, die ich den Geschäftsführern gab, war daher eine herausfordernde Übung: Bringt zwei Pferde auf die gegenüberliegende Seite des Platzes, ohne sie zu berühren. Alle drei schauten sich entgeistert an, denn Pferdeerfahrung hatten sie kaum. Doch statt sich zu besprechen oder gemeinsam zu planen, stürmte einer der Männer, nennen wir ihn Markus, los und beschäftigte sich mit der frechen Fuchsstute. Die anderen beiden, Klaus und Dieter, einigten sich auf den übergroßen Schimmel und versuchten, dessen Aufmerksamkeit zu erhalten. Markus machte Faxen, sprach zur Fuchsstute, gab komische Geräusche von sich, sprang auf und nieder und wurde tatsächlich mit Beachtung belohnt. Die Fuchsstute war neugierig genug, ihre Grashalme links liegen zu lassen und Markus zu folgen. Klaus und Dieter hingegen versuchten, durch gutes Zureden die Aufmerksamkeit des Riesen zu bekommen. Sie gingen vom Kopf des Pferdes zum Schweif und wieder zurück, schnalzten mit den Fingern, flatterten mit den Armen, kratzten sich am Kopf und überlegten gemeinsam, was man noch tun könnte. Markus war währenddessen fast auf der anderen Seite angekommen, als er abrupt anhielt, nach seinen beiden Kollegen sah und lachte. Klaus blickte auf und lachte auch. Er sagte quer über den Platz: „Wie in echt! Das ist typisch für uns! Du bist schon wieder meilenweit voraus, in einem Affentempo, während wir uns hier gemeinsam mit dem Tagesgeschäft abmühen. Du warst schon immer viel schneller als wir!“, und lachte wieder.

 

Ich bat Klaus und Dieter, zu Markus zur Reflexionsrunde zu kommen. „Welche Parallelen zu Eurem beruflichen Alltag seht Ihr?“, fragte ich sie. Klaus sah Markus an, der noch immer neben der Fuchsstute stand: „Du bist bei uns der Vordenker, bist innovativ und unglaublich schnell.“ „Aber hänge ich euch nicht manchmal ab, so wie jetzt?“, fragte Markus. „Ja“, antwortete Dieter, „du hast ja immer die fortschrittlichen Ideen, aber manchmal vielleicht ein bisschen zu fortschrittlich.“ „Und“, fügte Klaus hinzu, „ein bisschen mehr Kommunikation miteinander gerade zu Beginn von Projekten würde uns nicht schaden. Dann wüssten wir, was du vorhast.“ „Ich hätte euch also nicht im Stich lassen sollen?“, fragte Markus zerknirscht. „Im Stich lassen ist das nicht“, entgegnete Dieter, „aber zu wissen, was du zu tun gedenkst, oder eine kurze Abstimmung, das wäre ganz gut. Vielleicht haben wir ja Ideen für dich und du für uns. Danach sollst du ruhig dein flinkes Tempo gehen, wir wollen dich nicht aufhalten!“

 

Markus streichelte die freche Fuchsstute, die nun an ihm knabberte. Der Riesenschimmel kaute auf der anderen Platzseite auf einem Grashalm und schaute dabei die anderen beiden Geschäftsführer aus der Entfernung an. „Und wie bekommen wir das große Pferd hier nun auf die andere Seite?“ Dieter deutete auf das Gras, Klaus bückte sich, riss ein paar Grasbüschel aus, beide gingen zum Schimmel und hielten es ihm vor die Nase. „Keiner hat gesagt, dass wir keine Hilfsmittel nehmen dürfen!“, sagte er zu uns, und sie liefen los. Den riesigen Kopf nach vorne gestreckt, folgte der Schimmel den beiden ans vordere Ende des Platzes, wo Markus noch immer von der Fuchsstute beknabbert wurde. „So kenne ich euch, immer neue Ideen. Und niemals aufgeben!“

 

Das Coaching hatte den drei Geschäftsführern einen fokussierten Blick auf ihre individuellen Stärken und persönliche Verhaltensmuster ermöglicht. In der Reflexionsrunde hielten sie fest, dass Klaus und Dieter Durchhaltevermögen, Kreativität, aber auch „Freude am Tun“ und „Gemeinsam im Team“ als Stärken gezeigt hatten, während Markus ein Faible für Strategien, Visionen und Innovationen hatte, aber manchmal zu schnell im Denken und Handeln war. Daraus ergaben sich folgende Ableitungen:

  • Sie vereinbarten, dass sie sich regelmäßiger austauschen wollten, damit jeder informiert ist, wer welche Projekte macht und gegebenenfalls Ideen beisteuern kann, und keiner sich „abgehängt“ fühlte.
  • Sie waren sich einig, dass jeder dem anderen die Freiheit lassen sollte, seine Aufgaben auf seine individuelle Art zu meistern.
  • Sie wollten sich gleich im Nachgang Gedanken machen, in welchen Aufgaben- oder Organisationsbereichen jeder seine Stärken am besten einsetzen konnte.

 

Die drei Geschäftsführer führten am Nachmittag eine sehr produktive Brainstorming-Session durch. Das Ergebnis war unter anderem, dass sie ihre Beratungsgesellschaft in zwei Units aufteilen wollten. In der einen wollte sich Markus als Geschäftsführer den Bereichen Innovation, Technik und Zukunftsthemen widmen, abgekoppelt vom Tagesgeschäft. In der zweiten Unit sollten Dieter und Klaus den Hut aufhaben und für das operative Beratungsangebot verantwortlich sein, allerdings mit der neuen Ausrichtung „kreative Lösungen in schwierigen Zeiten“.


Kapitel von Anabel Schröder, aus dem Buch: Die Kraft pferdegestützter Coachings - 22 horsesense® Erfolgsgeschichten



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